Ernten und die verschiedenen Lüfte

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Auch in diesem Jahr war es wieder faszinierend zu beobachten, wie beispielsweise das Getreide reifer wurde. Eine goldene Farbe entfaltete sich durch diese wertvollen Erzeugnisse. Natürlich zückte ich die Fotokamera und hielt einige dieser wunderbaren Eindrücke fest. Dabei strich ein sanfter Südwestwind über die Felder.

«Südwestwind?!»: Während dieser vorher noch so lieblich daherkam, entwickelte sich dieser zu einem Sturmwind – am 28. Juni. Aber dieser Sturmwind war nur zum Teil verheerend. Fast noch schlimmer war der Aufwind in den Gewitterwolken. Ein Tanz der grossen Regentropfen begann. Diese wurden in einer Auf- und Abbewegung immer wieder in eisige Höhen (ca. 10 km) hinaufgetrieben; Eisschicht um Eisschicht entstand an den Hagelsteinen, bis der Aufwind diese nicht mehr zu heben vermochte, sie als «Niederschlag» zu Boden fielen und an Pflanzenkulturen, beispielsweise bei uns im Seeland, immense Schäden anrichteten.

Dass dies nur ein kleinerer Teil einer langen Reihe von Wochen (ca. 8 Wochen) mit wiederholten Unwettern sein sollte, war nicht ohne Weiteres zu erahnen, aber im Nachhinein zu verstehen. Die Statistik zeigt, dass seit Messbeginn (1864) die Durchschnittstemperatur in der Schweiz um 1,5 Grad gestiegen ist, in den Polgebieten sogar um 4 Grad. Dies bewirkt, dass die Grosswetterlagen sich langfristig verändern und anders verlaufen als vorher gewohnt. Es gibt mehr Wärmeenergie in der Atmosphäre, was dazu führt, dass die Luft mehr Wasser aufnehmen und dies zu verstärkten Unwettern oder sonst sintflutartigen Niederschlägen führen kann – und bei «abwesendem» Jetstream zu langandauernden Trockenperioden.

Der Jetstream ist das stärkste Windband, generell von West nach Ost, ausgleichend zwischen kalten und warmen Luftmassen und ist somit der Wettermotor. Der Verlauf des Jetstreams ist zunehmend ins Trudeln gekommen und damit ungewohnt geworden. Beispiel: Im Juli verläuft der Jetstream oft deutlich nördlich der Schweiz, damit sind wir normalerweise in einer «Warmluftglocke», das heisst in einem recht stabilen Hoch mit trockenem und sonnigem Wetter. Der Juli 2021 war genau das Gegenteil. Sich selbst aufladende Tiefs haben hier das Wetter mit enormen Niederschlägen bestimmt.
Mit solchen Verläufen – mal zu nass, mal zu trocken – müssen wir nach Klimaprognosen rechnen.

Nun wichtig ist, dass wir uns nicht in eine beklemmende Unruhe versetzen lassen. Vielleicht bringen die gegenwärtigen Probleme, so auch die Klimaerwärmung, uns langfristig wieder näher zusammen. Während das Wort «Solidarität» ob all des zum Teil übertriebenen Individualismus oder Egoismus – «ich will alles selber können und haben» – in «Verruf» geraten ist, kann Solidarität wiederentdeckt werden. Beispiel: Der Kunde finanziert als Käufer Ernteausfälle mit. Die Grossverteiler kommen ein wenig ab von der rücksichtslosen Preisdrückerei. Wir alle erinnern uns, dass es im 1. Mose (Genesis) 2,15 heisst, dass der Mensch den «Garten» (Erde) bebauen darf, aber unbedingt mindestens so sehr auch bewahren soll. Wir sind angewiesen, mit den Ressourcen der Natur und unseren eigenen massvoller umzugehen und miteinander gegen die Klimaerwärmung (weniger Abgase in die Atmosphäre, Verzicht) etwas zu tun. Denn jedes Zehntelgrad weniger Erwärmung hilft den nachkommenden Generationen.

Aus dieser Haltung nehmen wir umso dankbarer entgegen, was wir dieses Jahr geerntet haben und noch ernten werden. Gott sei dafür vielfältig gedankt.

Ueli von Känel, Pfarrer