Durch die Nacht

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Als wir loswandern, ist es noch nicht besonders dunkel. Die Jugendlichen schwatzen miteinander über die Schule und ihre näheren und ferneren Zukunftspläne. Ich muss ab und zu schmunzeln. Die Welt ist in diesem Alter noch eine andere. Und doch schon die gleiche. Sie besteht hauptsächlich aus ihren Peers und der Schule. Die weite Welt kommt aber immer näher. Sie bedeutet Freiheit, ist aber auch bedrohlich. Was sie alle schon sehr gut kennen, ist der Leistungsdruck. Und das stimmt mich nachdenklich. Mit jungen 15 Jahren haben viele gelernt: Wenn ich nicht genug leiste, bin ich weniger wert. In dem Moment bin ich froh, dass ich keinen strengen Lehrplan habe und keine Noten geben muss. Ich habe als Pfarrerin das Privileg, mit den jungen Menschen so unterwegs zu sein, wie sie es brauchen. Vielleicht auch ein Kontrastprogramm zu bieten, das manchmal herausfordert: Stille erleben, alte Geschichten hören, Zeit für grosse Fragen haben.

Wir machen eine erste Pause und ich erzähle von Jakob, der seinen Bruder um das Erstgeburtsrecht betrog und fliehen musste. Was ist wichtig im Leben? Im Zusammenleben mit anderen? Wofür will ich einstehen?

 

Es sind Fragen, die ältere genauso wie junge Menschen beschäftigen. Die Antwort kann sich immer wieder ändern. Nur dass ich sie mir überhaupt immer wieder stelle, das ist wichtig, denke ich.

Wir wandern weiter. Es ist jetzt dunkel. Im Wald ganz besonders. Wir nehmen unsere Taschenlampen hervor und erleuchten das Stück vom Weg vor uns. Ein wenig unheimlich ist es schon. Wir Menschen sind ursprünglich nicht dafür gemacht, in der Nacht unterwegs zu sein. In der Dunkelheit lauert das Gefährliche, das Mystische, das Unsichtbare und Andere. Sie ist das Gegenteil vom Licht, das wir und die Umwelt zum Leben brauchen. Wir wissen nur was Licht ist, wenn wir das Dunkel kennen. Wenn wir in der tiefsten Nacht waren, kennen wir die Sehnsucht nach dem neuen Morgen. Die Nacht ist auch der Ort der Träume.

Wir machen eine zweite Pause und ich erzähle, wie Jakob am Abend müde und ratlos seinen Kopf auf einen Stein legte und einschlief. Er träumte von einer Leiter, die bis in den Himmel reichte und auf der Engel auf- und abstiegen. Gott sagte zu ihm: «Ich bin bei dir. Du wirst deinen Weg finden.» Und dann wurde es Morgen.

Diese Zusage brauchen wir, alt und jung, immer wieder! Du schaffst das. Ich bin bei dir.

Im Wald ist es still. Nur vereinzelt hört man noch einen Vogel oder ein Rascheln. Die besondere Stimmung legt sich auch über unsere Gruppe. Als wir aus dem Wald heraustreten, ist der Himmel dunkel und weit. Die Luft ist kühl. Die Lichter der Stadt sind in der Ferne zu sehen.

Viele Jahre später kehrt Jakob endlich nach Hause zurück. Er fürchtet sich vor der ersten Begegnung mit seinem Bruder. Im Morgengrauen, nach einer Nacht voller Sorgen, ringt Jakob mit sich und (vielleicht) mit Gott. Als die Sonne aufgeht, hat er sich den Segen errungen. Den Mut, den er für seinen weiteren Weg braucht.

In einer kleinen Kapelle beenden wir unser Pilgern durch die Nacht. Es brennen Kerzen, denn das Licht haben wir gesucht. Wir legen Steine, Moos und kleine Äste aus dem Wald vor eine der Kerzen, symbolisch für einen Wunsch, der uns wichtig ist. Bevor wir auseinandergehen, hören wir auf die Kraftworte eines Segens.

Göht im Friede.
Blibet im Friede.
Hebet Sorg zu öich.
Hebet Sorg zun enang.
Bhüet öich Gott.

Lea Wenger, Pfarrerin