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Die Kunst der Unterbrechung
Viele Menschen sind müde. Nicht nur am Abend, sondern schon am Morgen. Müde vom Tempo, von Erwartungen, vom ständigen Reagieren. Auch der Februar bringt daran wenig Änderung: Nach dem Trubel der Feiertage ist der Alltag zurückgekehrt, oft grauer als zuvor. Und mitten hinein fällt der Valentinstag – ein Tag, der von Liebe spricht, aber selten davon, wovon Liebe eigentlich lebt.
In diesem Zusammenhang taucht immer häufiger das Wort „Selbstliebe“ auf. Für manche klingt es verdächtig nach Egoismus, nach Rückzug aus Verantwortung. Doch biblisch verstanden meint Selbstliebe etwas anderes: die Fähigkeit, sich selbst nicht zu verlieren. Denn wer sich selbst dauerhaft übergeht, wird nicht großzügig, sondern hart. Nicht liebevoll, sondern erschöpft.
Schon die jüdische Tradition weiß: Leben braucht Rhythmus. Zeiten des Tuns und Zeiten des Lassens, Arbeit und Ruhe, Nähe und Abstand. Der Schabbat steht dafür exemplarisch. Er ist keine Belohnung für geleistete Arbeit, sondern eine bewusste Unterbrechung. Ein Tag, der dem Menschen sagt: Du bist mehr als das, was du leistest. Dein Wert hängt nicht an deiner Produktivität. Ruhe wird nicht verdient – sie wird gesetzt. Und sie erinnert daran, dass Gott der Schöpfer des Lebens ist, nicht wir selbst.
Aus genau diesem Horizont heraus lebt auch Jesus. Er ist ein jüdischer Lehrer, verwurzelt in einer Tradition, die das Maß kennt. Die Evangelien erzählen immer wieder davon, dass er sich zurückzieht: früh am Morgen, noch vor Tagesanbruch (Mk 1,35), oder bewusst weg von der Menge, um mit seinen Jüngern zur Ruhe zu kommen (Mk 6,31). Diese Rückzüge sind keine Flucht, sondern Ausdruck einer inneren Klarheit. Jesus weiß, dass Liebe nicht aus Dauerpräsenz wächst, sondern aus Beziehung.
Gebet ist bei ihm deshalb kein Zusatzprogramm, kein frommer Pflichttermin. Es ist Unterbrechung. Rückbindung an Gott, den er als Vater anspricht. Aus dieser Beziehung heraus lebt und handelt er. Nicht getrieben von Erwartungen, nicht ausgeliefert an den Anspruch, immer verfügbar zu sein. Jesus lebt aus dem Vertrauen, dass Gott trägt – auch dann, wenn er sich entzieht, schweigt, still wird.
Diese Haltung wirkt erstaunlich modern. In einer Zeit, in der vieles gleichzeitig geschieht und alles wichtig scheint, wird die Unterbrechung zur geistlichen Kunst. Sie fragt: Was nährt mich? Woraus handle ich? Und was darf ich getrost lassen? Spirituelle Balance bedeutet nicht, sich aus der Welt zurückzuziehen. Sie bedeutet, sich ihr nicht restlos auszuliefern – und sich selbst nicht an die Stelle Gottes zu setzen.
Das kann sehr konkret werden. Eine bewusste Pause am Tag, ein Moment der Stille vor dem Schlafengehen. Ein kurzes Gebet ohne Worte. Ein Atemzug, der erinnert: Ich muss nicht alles halten. Solche kleinen Rituale sind keine frommen Leistungen. Sie sind Erlaubnisse. Erlaubnisse, nicht immer verfügbar zu sein. Nicht alles tragen zu müssen. Sich selbst nicht zu verlieren.
In dieser Weise verstanden ist Selbstliebe keine private Wellnessübung. Sie ist eine Form von Verantwortung. Wer aus der Ruhe lebt, kann anderen mit mehr Geduld begegnen. Wer sich selbst achtet, muss andere nicht abwerten. Liebe, die bei mir beginnt, bleibt nicht bei mir stehen.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieses Februars: Liebe braucht keine großen Gesten. Sie braucht Unterbrechungen. Zeiten, in denen wir uns erinnern, wovon wir leben. Und einen Gott, der nicht antreibt, sondern trägt.
Ari Yasmin Lee, Pfarrerin
Generationenprojekt - Eierfärben für Jung und Alt
Das gseh mir nid so äng!
In den Dorfnachrichten sah ich die Ausschreibung «Spiel- + Jassnachmittag».
Im Herbst 2023 fasste ich den Mut und meldete mich bei Anna Lang (Sozialdiakonin Kirchgemeinde Bürglen), um mich zu erkundigen, was ich tun müsse, um an einem Spielnachmittag teilzunehmen. «Eifach cho», war ihre Antwort.
So stand ich dann am 16. Oktober das erste Mal an der Muttimatte im Aufenthaltsraum. Sofort kam mir eine Frau mit einem Lächeln entgegen und stellte sich vor «härzlech willkomme, ig bi Claudine». Danach begrüsste ich gefühlte, unendlich viele Frauen und zwei Männer.
Es formierten sich die Gruppen, die dann zusammen am Tisch sassen. Ich kannte das «Verteilsystem» nicht und stand vermutlich etwas verloren im Raum. Da stand Lilian neben mir und fragte mich, was ich spielen wolle. Mir war es nicht wichtig was ich spiele, sondern nur, dass ich spiele! Lilian begleitete mich zu einem Tisch, wo bereits für’s Jassen alles bereitlag und auch bereits drei Jassbegeisterte sassen. Ich durfte mich zu ihnen setzen. Herzklopfen machte sich bemerkbar, da ich keine gute Jasserin bin. Aber die Gruppe machte mir klar: «Mir chöme dahäre für üs z’amüsiere, aus andere isch nid so wichtig».
Ach, war das herrlich festzustellen, dass es kein Problem war nachzufragen was Trumpf ist, wer jetzt an der Reihe ist, und Hilfe zu haben beim Punkte zählen.
Ich staunte nicht schlecht, als Ursula um 15.30 Uhr einen Kaffee mit einem herrlichen, selbstgemachten Gebäck servierte und das ganze Spielen damit versüsste. Im Hui war der Nachmittag vorbei und der Abschied mit: «tschou, bis zum nächschte Mau», war so motivierend.
Viele Spiele und SpielkollegInnen durfte ich in dieser Zeit kennenlernen, ich möchte es nicht mehr missen.
Nun werde ich von Aegerten wegziehen und das machte mir Kummer. Gehört doch die neue Gemeinde nicht zum Kreis Bürglen. Der Spielnachmittag mit dem Lachen, Witzeln und Ereifern würde mir so fehlen. Meine Bedenken wurden aus dem Weg geschafft, als mir von den tollen Betreuerinnen Claudine, Lilian und Ursula mitgeteilt wurde «das gseh mir nid so äng»!
Somit wurde es für mich das Motto dieser herrlichen Nachmittage!
Vielen herzlichen Dank.
Ruth Stalder, Aegerten