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Bild_1_Leitartikel Lea

Was bleibt?

Wir leben in einer Zeit, in der fast alles einen nächsten Schritt kennt. Nach der Krankheit kommt die Genesung. Nach der Krise die Lösung. Nach dem Abschied ein Neuanfang. Und wenn etwas nicht weitergeht, suchen wir nach einem Weg, es doch noch irgendwie weitergehen zu lassen.

Nur beim Tod funktioniert das nicht.

Vielleicht macht uns gerade das so hilflos. Der Tod ist endgültig. Ein Mensch kommt nicht mehr zur Tür herein. Wir können nicht mehr anrufen, nichts mehr klären, nichts mehr nachholen. Es gibt keine Nachricht, die noch beantwortet wird.

Im November erinnert uns der Ewigkeitssonntag daran. In den Kirchen werden Namen vorgelesen und Kerzen angezündet. Und plötzlich steht da nicht mehr «der Tod» als abstrakte Tatsache. Da steht ein Name. Ein Mensch. Jemand, der gefehlt hat, fehlt und fehlen wird.

Die Dichterin Mascha Kaléko hat einmal geschrieben:

«Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,

nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.»

Vielleicht trifft das etwas Wesentliches. Wir fürchten nicht nur den Tod. Wir fürchten das Leben danach. Das Aufwachen am Morgen, an dem wir wissen: Dieser Mensch ist nicht mehr da. Den ersten Geburtstag. Weihnachten. Den Platz am Tisch. Die Dinge, die man plötzlich nicht mehr erzählen kann.

Trauer lässt sich nicht abkürzen. Sie hält sich nicht an Kalender und schon gar nicht an gut gemeinte Sätze. «Die Zeit heilt alle Wunden» stimmt eben nicht immer. Manche Wunden heilen, andere werden zu Narben. Und manche bleiben empfindlich, auch nach vielen Jahren.

Vielleicht müssen wir deshalb vorsichtiger sein mit unseren Antworten auf den Tod. Mit allzu schnellen Erklärungen. Mit dem Satz, jemand sei «an einem besseren Ort». Mit der Vorstellung, ein göttlicher Plan müsse auch hinter dem Schwersten noch zu erkennen sein.

Ich glaube nicht, dass wir einen Sinn im Tod finden müssen, damit Trost möglich wird.

Trost kann scheinbar klein sein.

Eine Person, die bleibt, obwohl sie nicht weiss, was sie sagen soll. Eine Hand auf der Schulter. Ein gemeinsames Schweigen. Die Erinnerung an einen Menschen, die plötzlich mitten im Alltag auftaucht. Ein Satz, den dieser Mensch einmal gesagt hat und den wir Jahre später noch im Kopf haben.

Vielleicht liegt darin auch etwas von dem, was «Ewigkeit» bedeuten kann: Nicht ein endloses Danach, das wir uns möglichst genau vorstellen müssten. Sondern die Ahnung, dass ein Menschenleben nicht einfach verschwindet. Dass Menschen Spuren hinterlassen – in anderen Menschen, in Geschichten, in Haltungen, in dem, was sie uns gezeigt haben und in der Geschichte Gottes mit uns, seinen Menschen.

Am Ewigkeitssonntag schauen wir deshalb zurück. Auf die, die gestorben sind. Aber vielleicht auch auf das, was durch sie in unserem Leben weitergeht.

Und wir schauen auf die, die noch da sind.

Denn irgendwann wird jede Begegnung zur Erinnerung. Vielleicht ist das kein Grund zur Angst. Vielleicht ist es ein Grund, einander jetzt wirklich zu begegnen. Liebevoll zu begegnen. «Stark wie der Tod ist die Liebe», heisst es im Hohelied. Ja, die Liebe ist es, die bleibt.

Pfarrerin Lea Wenger