Betrachtungen zum Frauenstimmrecht

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Am diesjährigen 1. August wurde auf dem Rütli das 50-Jahr-Jubiläum des Frauenstimmrechts gefeiert. Die Schweizer Frauen mussten viel zu lange darauf warten! Am 7. Februar 1971 endlich stimmten die Schweizer Männer an den Urnen der Verfassungsänderung zu, dass künftig alle Schweizer und Schweizerinnen die gleichen politischen Rechte wie sie haben (65,7 % Ja zu 34,2% Nein). Allerdings ist es vor allem den mutigen und engagierten Schweizer Frauen und ihrem jahrzehntelangen Kampf zu verdanken, dass das Thema immer wieder auf die politische Tagesordnung gebracht und alle Kräfte mobilisiert wurden, um die Mehrheit der Bevölkerung und der Stände zu überzeugen. Bei den eidgenössischen Wahlen vom 31. Oktober 1971 waren somit erstmals Frauen wahlberechtigt und wählbar. Elf Frauen wurden in den Nationalrat gewählt, was bei 200 Mandataren einen Frauenanteil von 5,5 Prozent ausmachte. In den Ständerat wurde nur eine Frau gewählt. In der Zwischenzeit erfolgte glücklicherweise eine Steigerung. Am 19.3.2021 waren im Nationalrat 84 Frauen und 116 Männer, was einem Frauenanteil von 42 % entspricht. Der Ständerat setzt sich zusammen aus 12 Frauen und 34 Männern. Dies entspricht einem Frauenanteil von 26,1 %. Um den Frauenanteil im Parlament zu erhöhen, wurde die überparteiliche Bewegung HELVETIA RUFT 2018 ins Leben gerufen, um Frauen zu ermuntern, für die eidgenössischen Wahlen von Oktober 2019 zu kandidieren. Sie konnte mehr als 500 Frauen für die eidgenössischen Wahlen begeistern.

Jahrzehnte vor der Einführung des Frauenstimmrechts auf nationaler und kantonaler Ebene gab es in der Schweiz Kirchen und Kirchgemeinden, die ihren weiblichen Mitgliedern das Stimmrecht gaben. Als allererste Kirche in der Schweiz führte die Eglise évangélique libre de Genève 1891 das Frauenstimmrecht ein. Damit hatten die Frauen erstmals in der Schweiz in kirchlichen Angelegenheiten das aktive Stimmrecht erlangt. Im Kanton Zürich gab es 1902 einen Vorstoss, um das kirchliche Frauenstimmrecht einzuführen. In ihrer Funktion als Präsidentin der Union für Frauenbestrebungen reichte Emma Boos-Jegher eine Eingabe an den Kantonsrat des Kantons Zürich zum Stimmrecht von Frauen in kirchlichen Angelegenheiten ein. Das Begehren versandete allerdings während des Ersten Weltkriegs und 1923 lehnten die Stimmbürger im Kanton Zürich ein Gesetz ab, das den Frauen das Wahlrecht in Kirchen-, Schul- und Armenpflegen geben wollte.

Anfang der 1930er gab es einen neuen Anlauf, um das kirchliche Frauenstimmrecht in Zürich einzuführen. Inzwischen hatten die Landeskirchen in Genf, Waadt, Baselstadt, Bern, Aargau, Thurgau und Graubünden Regelungen zum kirchlichen Frauenstimmrecht erlassen. In einigen Kantonalkirchen hatten die Frauen das aktive und das passive kirchliche Frauenstimmrecht erreicht, in anderen nur das aktive Stimmrecht und in wieder anderen wie Bern war es den einzelnen Kirchgemeinden freigestellt, ob sie ihren weiblichen Mitgliedern das Stimmrecht gewähren wollten. Definitiv eingeführt wurde das kirchliche Stimm- und Wahlrecht für Frauen im Kanton Zürich allerdings erst 1963, acht Jahre vor der Einführung des Frauenstimmrechts auf nationaler Ebene.

Zurzeit sind die Frauen in zwei kirchlichen Gremien gut vertreten: Im Kanton Bern ist Pfarrerin Judith Pörksen Roder als Synodalratspräsidentin tätig. Pfarrerin Rita Famos ist seit dem 1.1.2021 Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz.

Auch im sportlichen Bereich sind die Frauen im Moment sehr erfolgreich: an der Olympiade in Tokyo gewannen die Frauen 10 von 13 Medaillen!

Irène Moret