Wenn Menschen sich aufmachen müssen

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Die Bibel ist voll davon. Für einmal ist es müssig, sich zu fragen, ob die Jahrtausende alten Schriften in unserer Welt dazu noch etwas zu sagen haben. Geschichten von Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, durchziehen die Bibel vom Anfang bis zum Ende.

Allein schon im ersten Buch Mose, angefangen bei der Vertreibung aus dem Paradies, also bei Adam und Eva – die wären heute dann vielleicht Systemflüchtlinge oder Staatenlose, die in ihrem Herkunftsland nicht mehr geduldet werden – über den geflüchteten Esau, der einer Familienfehde entkommt, bis zu Josef, den Manche heute einen Wirtschaftsflüchtling schimpfen würden.

Nach unzähligen Weiteren dann im Neuen Testament Jesus, der, schon als Kind als politisch Verfolgter einem diktatorischen System entflieht, bis schliesslich zum letzten Buch der Bibel, der Offenbarung, die – wohl zum Schutze von Schreibenden und Lesenden – verklausulierte Kritik von Verfolgten an einer kolonialen Besatzungsmacht formuliert.

Wenn wir uns heute also am Flüchtlingssonntag in christlichen und jüdischen Gemeinden in der ganzen Schweiz diesem Thema widmen, so ist das weniger Zufall als vielmehr religiöse DNA.

Ob durch Krieg oder Vertreibung, weil sie damals durch Schwerter und heute durch Kugeln, oder damals wie heute durch den Hunger vom Tod bedroht sind, die Schicksale sind mannigfach. Zu Hunger und Elend, Mord und Todschlag kommt oft noch Pein und Missbrauch dazu, von Menschenhandel, Sklavenarbeit sowie der Vernichtung und Deportationen ganzer Völker liess sich damals schon berichten – und heute noch immer.

Ich kann mich noch gut an den Religionsunterricht erinnern, als ich als Kind das erste Mal die Josefsgeschichte gehört habe. Wie er in den Brunnen gestossen und dann an Sklavenhändler verkauft wurde. Dabei empfand ich ein körperlich beklemmendes Gefühl, ein Drücken im Bauch, der Kehlkopf stieg leicht zum Rachen hin an und nur mit Mühe konnte ich meine Tränen zurückhalten. Das Gefühl stellt sich auch heute noch ein, wenn ich Biografien von Menschen höre, die Gewalt erleben und versuchen, davor zu fliehen. Nur die Tränen kommen – man ist ja erwachsen geworden – leider nicht mehr so schnell.

Warum also sollten wir uns das antun? Weil was für uns Geschichten sind, für andere ihr Erleben darstellt. Oft genug höre ich in der politischen Debatte, es gehe darum, dass sich die geflüchteten Menschen uns gegenüber öffnen müssen, unserer Kultur, unserer Sitten und unserer Bräuche.

Zuhören, sich Berühren lassen, so glaube ich, ist wichtig. Für mein Gegenüber, aber auch für mich selbst. Auch wenn mir das beklemmende Gefühl dabei unangenehm ist, möchte ich dennoch offen bleiben für das Leiden der Anderen. Damit ich – ganz körperlich – nachempfinden kann und eben nicht nur höre oder lese, was es heisst, wenn mir am Ende des Matthäusevangeliums im 25. Kapitel, dem sogenannten Weltengericht, aufgetragen wurde, als Jesus spricht: «Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.»

Jan Tschannen, Pfarrer

Siehe auch Gottesdienst zum Flüchtlingssonntag mit anschliessendem Konzert mit dem Chor der Nationen Bern